Freitag, 24. März 2017

Kapitel 1 – Nächtliche Besucher


Müde stand sie vor ihrer Wohnungstür und versuchte im Halbdunkel des Hausflurs den passenden Schlüssel zu finden. Das Brennen ihrer Augen und ihre immer wieder zufallenden Lieder machten das Unterfangen nicht gerade leichter und sie war kurz davor einfach aufzugeben, als sie das Öffnen einer Tür vernahm und gleich darauf die Stimme ihrer Nachbarin an ihr Ohr drang.
„Ach Kindchen“, murmelte die ältere Dame und kam mit einem Schlüssel in der Hand auf sie zu. „Du solltest endlich diesen Job kündigen und dir eine normale Arbeitsstelle suchen. Es kann nicht angehen, dass ein so junges Mädchen einen solch gefährlichen Beruf hat.“
Kurz zuckte ein Lächeln in ihrem Mundwinkel, denn mit ihren 26 Jahren würde niemand sie mehr als junges Mädchen bezeichnen. Nur Margret, die schon seit elf Jahren auf sie acht gab und seit dem auch ihr Vormund war, wollte nicht einsehen, dass Niya kein Kind mehr war und ihren Job bei der Polizei von Starling City alles andere als freiwillig tat.
Nach dem Tod ihrer Mutter, war Niya auf die schiefe Bahn abgerutscht und nur durch ihre Kontakte zu einigen größeren Verbrechern hatte sie es geschafft nicht mit 18 ins Gefängnis zu kommen. Nicht, dass sich irgendeiner dieser Verbrecher für sie interessiert hätte, nein die Polizei war es gewesen die ein so großes Interesse an den Tag gelegt hatte, dass Niya seit nun mehr acht Jahren als Spitzel für sie fungierte.
Sie suchte sich große Tiere der Schattenseite Starlings raus, trat wie zufällig in deren Leben und verführte sie. Sobald das Vertrauen aufgebaut war, suchte sie so viele nützliche Informationen für die Polizei raus wie sie finden konnte und machte sich aus dem Staub.
Dank Perücken und Kontaktlinsen wurde sie selten erkannt und wenn doch, dann wusste sie sich nach mehreren Jahren als Verbrecherin und hartem Training beim SCPD selbst zu verteidigen. Ein paar tote Verbrecher mehr oder weniger machten in dieser Stadt niemandem etwas aus. Das der Vater einer verstorbenen Kindheitsfreundin sich um sie kümmerte war natürlich von Vorteil.
Seufzend trat sie einen Schritt zur Seite und ließ Margret die Tür für sie öffnen und trat hinter der etwas fülligeren Frau ein. Mit schlechtem Gewissen merkte sie das kein einziges Staubkorn auf den Möbeln lag, das gestaubsaugt und gelüftet wurde während sie nicht anwesend war. Diesmal hatte sie vergessen Margret darum zu bitten, doch die achtzig Jährige hatte es trotzdem getan und Niya hatte ihr nichts zum Dank mitgebracht.
Gerade als sie nachdenklich auf der Unterlippe zu kauen begann, spürte sie die warme Hand ihrer Nachbarin auf ihrer Schulter.
„Ich hab es gerne gemacht, Kindchen. Wenn du mir danken willst, dann reicht es auch es auszusprechen oder mit mir rüber zu kommen und etwas von meiner berühmten Tomatensuppe zu essen. Ich habe dir auch etwas vom Apfelkuchen aufgehoben, da du mir ja gesagt hattest das du heute kommst und ich weiß wie sehr er dir schmeckt.“
Mit einem Blick auf die Uhr erkannte Niya das sie nicht die Kraft haben würde noch mal in einen Imbiss zu gehen der bis Mitternacht offen hatte, nickte sie ihrer Nachbarin zu und folgte ihr in die benachbarte Wohnung.
Nach den letzten sechs Monaten war sie einfach nur verdammt froh wieder daheim zu sein und sich auf Margrets Essen stürzen zu können. Als sie den Auftrag damals angenommen hatte, hätte sie nie gedacht das er sich so in die Länge ziehen würde. Das sich die Culebra Gang nicht so leicht infiltrieren ließ, hatte sie auf recht unangenehme Art und Weise zu spüren bekommen.


Irgendetwas hatte Niya geweckt und auch wenn sie nun in der Dunkelheit ihrer Wohnung im Bett saß, wusste sie das sie nicht mehr allein hier war. So vorsichtig wie möglich ließ sie sich aus dem Bett gleiten und griff unter ihre Matratze. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog sie das Messer hervor, welches sie schon vor Monaten dort versteckt hatte und schlich zur offenen Tür ihres Schlafzimmers.
Mit dem Rücken lehnte sie sich an die Wand neben der Türöffnung und lauschte auf mögliche Geräusche. Um sich besser zu konzentrieren schloss sie ihre Augen und vernahm gleich darauf mehrere Männerstimmen die miteinander flüsterten. Wenn sie sich nicht irrte, dann waren es vier Männer, von denen einer schon gefährlich nahe an ihrer Tür war. Da alle Fenster ihrer Wohnung abgedunkelt waren und die Männer ohne Lichter durch ihre Wohnung schlichen, hörte sie dann und wann ein leises Rumpeln dicht gefolgt von einem geflüsterten Fluch.
Ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen und in gebückter Haltung huschte sie aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Sie lebte seit ihrer Geburt in dieser Wohnung und so war es kein Problem für sie sich in die Ecke des Zimmers zu stellen, während sie weiter den Stimmen lauschte und auf ihre Chance zu Handeln wartete.
Als einer von ihnen nah an ihr vorbei gehen wollte, schoss ihr Arm nach vorne, packte ihn und zog ihn an ihren Körper. Ihre Hand lag auf seinem Mund und so hörte man von seinem Todesschrei nur ein leises Fiepsen, welches zum Gurgeln wurde, als sein Blut durch den Schnitt am Hals in seine Lungen gelangte.
Vorsichtig ließ sie ihn zu Boden gleiten und machte sich daran den nächsten zu erledigen. Dieser stand in der Nähe der Küchenbank und so stemmte sie sich kurzentschlossen darauf. Das Messer hatte sie am Griff zwischen ihre Zähne genommen und auf allen Vieren kabbelte sie auf ihn zu. Als sie nah genug war packte sie mit einer geübten Bewegung seinen Kopf und drehte ihn mit einem heftigen Ruck zur Seite. Zufrieden hörte sie ein Knacken in seinem Hals und der erschlaffte Körper fiel auf den Boden.
Dadurch hatte sie nun aber die Aufmerksamkeit der anderen beiden Männer erregt und sie konnte sich gerade noch rechtzeitig auf den Boden hinter die Küchenbank gleiten lassen, ehe die Lichter ihrer Wohnung angingen. Das wüste Fluchen hätte ihr beinahe ein Lachen entlockt, doch in dieser Situation wäre es zu ihren Nachteil gewesen, sodass sie es mit Mühe runter schluckte und vorsichtig um die Ecke blickte. Erschrocken registrierte sie, dass sie direkt auf ein paar Schuhe sah und noch bevor ihr Gegenüber es richtig erfassen konnte, war sie aufgesprungen und hatte ihm ihr Messer in die Schläfe gerammt.
Als ihr Gegner allerdings zu Boden sank, fiel ihr Blick auf den verbliebenen Eindringling und sie brachte sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit. Gerade noch rechtzeitig wie es schien, denn kaum das sie auf dem Boden angekommen war, schlugen auch schon die Kugeln in ihren Kühlschrank, ihre Hängeschränke und in ihren neuen Herd ein. Wütend biss sie die Zähne zusammen und wäre am liebsten direkt auf ihn losgegangen. Dieser verdammte Herd hatte so viel gekostet wie ihre halbe Monatsmiete und jetzt war er hin. Ob die Garantie auch Kugeln eines Mannes abdeckte, der gekommen war um sie zu töten? Wohl eher nicht.
Das Klicken seiner Waffe machte sie beide darauf aufmerksam das er das Magazin wechseln musste und sofort war Niya auf den Beinen. Wutentbrannt rannte sie auf ihn zu und riss ihn mit einem Tackel von den Beinen. Neben ihrem Glastisch kamen sie zum liegen und sofort begann Niya auf ihn einzuschlagen. Lange behielt sie aber nicht die Oberhand, denn er stieß sie kraftvoll von sich runter, sprang auf und trat ihr mit einer solchen Wucht in den Bauch, dass sie über den Boden in die Küche zurück rutschte.
Das sie dabei aber ein Grinsen unterdrückte sah er natürlich nicht und sie gab sich auch Mühe es mit ihren dunkelbraunen Haaren zu verdecken. Scheinbar mühsam rappelte sie sich auf und blickte ihm verängstigt entgegen. Mit einer Hand hielt sie sich an der Küchenbank fest, die andere hielt ein Messer hinter ihrem Rücken versteckt. Mit großen Schritten kam er auf sie zu und wollte nach ihr greifen, als sie sich schnell aufrichtete, ihm seinen ausgestreckten Arm auf den Rücken verdrehte und ihm das Messer in die Seite rammte. Mit einem Keuchen landete er auf den Knien und ein sardonisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Mit einer Hand packte sie ihm am Oberteil und drückte ihn hinab, mit der anderen öffnete sie ihren demolierten Ofen.
„Der war neu, du verdammtes Schwein!“, fauchte sie und schlug nach jedem Wort die Ofentür zu, sodass sein Kopf dazwischen eingeklemmt wurde und sich letztendlich der Gewalteinwirkung ergab. Angeekelt blickte sie auf den verformten Kopf, ehe sie die Leiche packte und nach und nach alle vier Männer in der Mitte ihrer Wohnung aufschichtete. Da ihr Handy im Schlafzimmer lag, ging sie zum Festnetztelefon und blickte in den Spiegel während sie darauf wartete das jemand abnahm.
Ihre dunklen Haare hingen ihr tropfend hinab und dank der Blutspritzer in ihrem Gesicht wusste sie, was da von ihren Haaren hinab tropfte. Durch das Blut in ihrem recht blassem Gesicht leuchteten ihre blauen Augen nur noch extremer als sonst und auch sie selbst erkannte das dort momentan keine Gefühlsregung zu erahnen war.
„Hier das SCPD, wie kann ich ihnen helfen?“, ertönte da auch schon eine Stimme am anderen Ende der Leitung und riss sie somit von ihrem Spiegelbild los.
„Niya hier. Es gab einen Zwischenfall in meiner Wohnung.“
„Einen Moment bitte“, murmelte die weibliche Stimme und Niya wurde in die Warteschleife umgeleitet. Kein normaler Bürger bekam diese Warteschleife jemals zu hören und Niya hatte schon länger die Vermutung das dieses nervige Gedudel nur ihretwegen eingeführt wurde. Kurz darauf war ein Knacken zu hören und eine männliche Stimme sprach sie an.
„Wie viele sind es diesmal, Miss Frost?“
Ja, diese genervte Stimme, die alles zwischen Ich werde sie ab jetzt ignorieren und Ich werde sie auf grausame Art töten ausdrückte, hatte sie beinahe schon vermisst und sie war sich sicher sie morgen von Angesicht zu Angesicht erleben zu müssen.
„Nur vier“, gab sie zurück, legte auf und machte es sich in ihrem Sofa bequem. Sie würde morgen eh eine Standpauke bekommen, was machte es da schon aus wenn er sie wegen des Auflegens noch zehn Minuten länger anschrie? Wenn sie allerdings genauer drüber nachdachte, stand sie lieber auf und stellte sich schnell unter die Dusche. Getrocknetes Blut sah so schlecht auf Klamotten und Haut aus, wenn man stundenlang niedergebrüllt wurde.


Es kam wie es kommen musste und der Tag löste die Nacht ab, während Niya seit mehreren Stunden der erzürnten Stimme ihres Vorgesetzten lauschen musste. Etwas von sofort Bericht erstatten, unvorsichtiger Göre, Gefahr für ihre Nachbarschaft und unkontrollierter Mörderin wurde ihr an den Kopf geworfen, doch wie so oft zuvor schenkte sie ihm keine große Aufmerksamkeit.
Sie wusste das sie damit gemeint war, doch sie gab nichts darauf was er dachte und solang sie dem SCPD Informationen lieferte, würden die einen Scheiß tun und sie für ihre Taten einsperren. Als sie das Wort Versetzung hörte, erwachte sie aus ihrer Starre und sah ihn mit großen Augen an.
„Wie bitte?“, entschlüpfte es ihr einsetzt und Genugtuung erschien in den Augen ihres Vorgesetzten. Endlich schien er eine Schwachstelle ihrerseits gefunden zu haben.
„Sie werden mit sofortiger Wirkung nach Central City versetzt und werden dort ab morgen für das CCPD arbeiten. Welche Aufgaben sie dort erledigen wird Captain Singh entscheiden.“
Und damit hatte er sie aus seinem Büro geworfen. Nach acht Jahren der Schufterei, wurde sie einfach mir nichts dir nichts abgeschoben und musste zudem auch noch die Stadt wechseln.
Central City...davon hatte sie in letzter Zeit viel gehört. Dort sollte nächste Woche ein großes Ereignis stattfinden. Irgendetwas mit Teilchen, an mehr erinnerte sie sich nicht, da es sie einfach nie wirklich interessiert hatte.
Nun denn, dachte sie bei sich während sie ihre Habseligkeiten in Kisten verstaute, Central City ich komme...




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