Freitag, 31. März 2017

Kapitel 1 - Vom Geiste ein Teil der Familie

Ihre Welt war schon immer dunkel gewesen. Dunkel und leer.
Morgen, Mittag, Abend, das alles waren nur Zeitangaben für sie. Sie sah nicht, wann die Sonne schien, sah nicht wann sie ihr Zenit erreichte und erblickte die schönen Sonnenuntergänge nicht. Sie spürte, wann die Sonne ihr Antlitz zeigte, denn dann erwärmte sich alles um sie herum, so auch die Luft und ihre eigene Haut.
Sie sah die Vögel nicht, sie hörte sie. Sie sah ihren Hund Waldgeist nicht, sie hörte ihn, um sich herum, neben ihrem Bett oder draußen wenn er bellte. Er war ein guter Hund, wusste immer wann er bei ihr sein musste und wen er in ihre Nähe kommen lassen konnte.
Sie sah ihre Mama nicht, sie hörte und fühlte sie nur, wenn sie nach ihr rief oder sie von ihr in den Arm genommen wurde.
Sie sah ihren Papa nicht, sie hörte ihn nur durch die kleine Hütte stapfen, die sie bewohnten und spürte ihn, wenn er sie hoch hob und auf seinen Schultern durch die Gegend trug.
Ihr Papa beschütze sie vor allem was kam und er hatte auch die kleine Hütte gebaut und so gemacht das sie nicht Gefahr lief sich zu verletzen.
Den Boden um die Kochstelle und das Feuer hatte er aus Steinen gemacht, sodass sie immer wusste wieweit sie gehen konnte ohne sich zu verbrennen. Aber es hatte lange Monate gedauert, bis sie das gelernt hatte.
Sie sah auch sich selbst nicht, wenn sie mit ihrer Mama am Teich saß und den Vögeln bei ihrem Gesang zuhörte.
Ihre Mama hatte ihr ein mal gesagt, dass sie Haare in der Farbe des Blutes hatte, in denen in der Sonne Flammen zu tanzen schienen. Und das ihre Augen wohl blau gewesen wären, hätten sie eine normale Farbe und nicht diesen milchigen Film, den sie seit ihrer Geburt hatten.
Sie wusste wie Blut roch, wie das Metall das ihr Papa zum arbeiten verwendete, aber sie wusste nicht was für eine Farbe Blut hatte.
Blau...was mochte das wohl für ein Aussehen haben? War es genau so dunkel, wie alles was sie sah oder war es heller als die Dunkelheit in ihrer Welt?
Nun, was auch immer Blau war, es war egal geworden.
Sie spürte etwas warmes über ihre Wange, Arme und Beine laufen und wusste das es Blut war. Sie hatte viele Kratzer vom rennen, aber das meiste von dem Blut war nicht ihr eigenes, sondern das ihrer Mama und ihres Papas. Sie hatten versucht sie zu beschützen, aber der böse Mann hatte ihnen weh getan. Er hatte eine ganz seltsame Stimme, so als wäre er eine Schlange, denn diese zischelten auch immer so rum.
Papa und der böse Mann hatten sich gestritten und plötzlich war etwas Warmes auf sie getropft. Sie hatte erst gar nicht verstanden was passiert war, bis ihre Mama sie in den Arm genommen und ihr befohlen hatte ganz weit weg zu rennen. Bevor sie sich aber von ihrer Mama weg bewegen konnte, war wieder Blut auf sie drauf geflossen und etwas Spitzes hatte sie in die Schulter gepieckst.
Der böse Mann hatte versucht sie fest zu halten, aber Waldgeist hatte gebellt und dann hatte sie den bösen Mann schreien hören. Waldgeist hatte ihn wohl gebissen und sie nutzte diesen Moment und drehte sich um und rannte den gewohnten Weg aus der Hütte hinaus und in den Wald hinein.
Ein paar Minuten von der Hütte entfernt hatte sie sich in ihr Versteck gequetscht und hatte ganz lange gewartet. Dort, unter den Wurzeln eines Baumes, hatte sie angefangen zu verstehen das sie ihre Mama und ihren Papa nicht mehr wieder sehen würde.
Sie wurde sehr traurig, aber sie traute sich nicht zu weinen, aus Angst der böse Mann würde sie finden und dann auch töten.

Lange hatte sie sich dort versteckt, aber irgendwann war sie aufgestanden und war den ihr bekannten Pfad zum Königsweg gefolgt.
Nun saß sie hier, irgendwo auf dem Königsweg, war allein und verloren und ihr liefen die Tränen aus ihren nutzlosen Augen. Sie war ein kleines Mädchen, kaum sechs Jahre alt, und hatte nun niemanden mehr zudem sie gehen konnte.
Schniefend strich sie sich die Tränen von den Wangen, denn sie hatte das Getrampel von Pferdehufen gehört und auch das laute Gerede von Menschen. Immer näher kamen die Pferde und sie stand mit wackeligen Beinen auf, als auch schon ein Pferd vor ihr zum stehen kam.
„Geh mir aus dem Weg Mädchen oder mein Pferd wird dich zertrampeln“, hörte sie einen tiefe Stimme sagen und blickte nach oben. Sie wusste nicht, wo genau der Kopf des Mannes war und so irrte ihr Blick ein wenig umher.
„Aber, aber mein lieber Brigan, so spricht man doch nicht zu einem Kind, das augenscheinlich verletzt und verängstigt ist“, sprach nun eine weitere Stimme neben der Ersten.
„Natürlich, Ser Rodrik“, stimmte ihm der Erste zu.
„Wie heißt du denn, meine Kleine und was ist dir widerfahren?“, fragte die zweite Stimme, Ser Rodrik sie und so wie es sich anhörte, stieg er von seinem Pferd.
Schritte nährten sich und sie hörte, wie etwas schweres auf dem Boden aufkam und das nächste mal als Ser Rodrik sprach, war seine Stimme auf ihrer Höhe.
„Na, wer hätte das gedacht, du bist ja blind meine Kleine“, murmelte er und eine Hand legte sich auf ihren Kopf.
Schnell senkte sie ihren Blick und versuchte von ihm weg zu kommen. Ihre Mama hatte immer gesagt, wenn jemand merken würde, dass sie blind sei, würden ganz schlimme Dinge passieren können.
Eine Hand an ihrem Arm hinderte sie daran weiter zurück zu weichen und sie blickte wieder dort hin wo Ser Rodrik sein musste.
„Du brauchst keine Angst vor uns zu haben meine Kleine, aber sprich nun. Wie lautet dein Name und was ist geschehen, dass du voller Blut bist.“
Vorsichtig öffnete sie ihren Mund, schloss ihn aber wieder ohne etwas gesagt zu haben. Sollte sie diesem Mann glauben? Schaden konnte es aber auch nicht, oder?
„Mein Name ist Thalestris und meine Mama und mein Papa sind tot“, murmelte sie und sah wieder gen Boden.
Wieder hörte sie ein Pferd näher kommen und sogleich sprach auch eine weitere Stimme, die der ihres Papas sehr ähnlich war, auch wenn sie wusste das er es nicht sein konnte.
„Ser Rodrik, was hält uns auf? Winterfell wartet darauf das ich zurück kehre.“
„Mi'lord, dies ist Thalestris und ihre Eltern weilen nicht mehr unter uns. Sie ist blind Mi'lord und ich glaube nicht das es eine weise Entscheidung wäre, sie hier zu lassen“, versuchte Ser Rodrik sich zu erklären, doch schon bevor er zu ende geredet hatte, hörte Thalestris wie der Mann von seinem Pferd abstieg und auf sie zukam.
„Deine Eltern sind also tot?“, hörte sie ihn fragen und nach einem Nicken ihrerseits fuhr er fort. „Und du hast sonst niemanden?“
Schnell schüttelte sie den Kopf und spürte plötzlich, wie ihr die Tränen wieder über die Wangen liefen. Trotzig versuchte sie, die Feuchtigkeit auf ihrem Gesicht mit dem Ärmel ihres Kleides weg zu bekommen, scheiterte aber kläglich.
„Es ist keine Schande um seine Eltern zu weinen, Mädchen“, hörte sie Ser Rodrik flüstern, aber sie schüttelte noch ein mal den Kopf.
„Ich will nicht weinen. Mama und Papa waren immer traurig, wenn ich geweint habe und wenn sie jetzt bei den alten Göttern sind, sehen sie das ich weine. Ich will nicht das sie wieder traurig werden“, sagte sie und unterdrückte ein Schluchzen.
Wie aus dem Nichts landete eine Hand auf ihrem Kopf, warm und tröstend.
„Tapfere kleine Wölfin. Willst du mit mir kommen? Ein Teil meines Hauses werden, eine Stark von Winterfell? Zwar nicht vom Blute, aber doch vom Geiste ein Teil der Familie? Meine Frau hätte sicher nichts gegen eine weitere Tochter, auch wenn du ein wenig älter bist als Sansa. Das wird sie vielleicht von Jon ablenken“, hörte sie wieder die Stimme sagen, die der ihres Papas nicht unähnlich war.
Thalestris konnte nicht glauben, was ihr angeboten wurde. Eine Familie, jemand der sich um sie kümmerte und dem es egal war, dass sie blind war. Sie würde Geschwister haben und eine Mama und einen Papa.

Unter Tränen nickte sie und spürte gleich darauf, wie sie hochgehoben und auf etwas abgesetzt wurde, das sich bewegte. Ängstlich klammerte sie sich an die Arme, die um sie gelegt wurden und bald schon setzte sich das Ding unter ihr in Bewegung.

tbc